Keanu Reeves spielt in dem charmanten Film "Daumenlutschter"
einen Zahnarzt
VON ANKE GROENEWOLD
Berlin. "Ich werd verrückt - Keanu!", jauchzt die junge Frau und
spurtet mit ihrer Freundin zum Berlinale Palast. Vielstimmiges
Kreischen ist schon von weitem zu hören. Keanu Reeves, ganz in
Schwarz, dazu Dreitagebart und die Haare zum Igel modelliert,
steht auf dem roten Teppich und lässt den Rummel lächelnd über
sich ergehen.
Ein bisschen Buddha eben. Den hat der in Beirut geborene
Schauspieler mit der minimalen Mimik auch mal gespielt. Reeves ist
auf gerade Welttournee, um für seine neuen Filme zu werben.
Nach Berlin kommt er für einen kleinen, feinen Film. "Thumbsucker"
ist eine charmante Tragikomödie über einen 17-jährigen
Daumenlutscher und seine Suche nach einem Platz in der Welt.
Klingt nach einer gewöhnlichen Geschichte über das
Erwachsenwerden. Wenn da nicht dieser originelle Dreh wäre: Teenie
Justin (Lou Taylor Pucci) hat Eltern (Tilda Swinton, Vincent
D'Onofrio), die sich innerlich auch noch wie 17 fühlen.
Mutti schwärmt für einen Serien-Star, Papi beschwört mit
Marathonläufen seine Jugendlichkeit. "Man ist eben nie fertig oder
vollständig, und nicht nur Kinder sind verletzlich", sagt
Regisseur Mike Mills.
Keanu Reeves hat in dem intensiven Familienfilm nur eine winzige
Rolle. Er ist Justins philosophierender Zahnarzt und gibt dem
Jungen wertvolle Tipps wie "Suche das Krafttier in dir". Es folgt
eine seriöse Phase, aber am Ende weiß der Doktor, dass er nichts
weiß, und ist ganz entspannt dabei. Wie Buddha. Sie teht Reeves
gut, diese Rolle. Und ja, der 40-Jährige kann schauspielern.
Es steckt viel Traurigkeit und schwarzer Humor in dieser Figur.
Große Schauspielkunst war in Reeves "großen"Filmen meist nicht
gefragt. Er ist die perfekte Besetzung für Comics und Actionfilme
wie die "Matrix"-Trilogie oder aktuell "Constantine". Reeves sieht
gut aus, hat körperliche Präsenz, wirkt aber stets etwas hölzern.
Extrovertiertes, emotionales Spielen ist seine Sache nicht. Es
gibt sicher furioser aufspielende Künstler, und doch: Keanu Reeves
hat was.
Das finden auch die sonst so coolen Journalisten, die darauf
warten, dass er zur Pressekonferenz erscheint. So manche zupft
noch kurz ihren Pony zurecht, über Handy wird die Außenwelt
informiert: "Ich warte gerade auf Keanu." Die Männer im Raum geben
sich eher abgeklärt. Pah, Keanu Reeves, Nebendarsteller. Hier
gilts der Kunst.
Der sensible Hauptdarsteller Lou Taylor Pucci ist da, auch die
intellektuelle, britische Sphinx Tilda Swinton, aber im
Mittelpunkt steht Keanu Reeves. Seine Antworten sind knapp,
manchmal einsilbig. Skeptisch schaut er in die Runde, und manchmal
sieht er so aus, als denke er: "Das ist alles nicht wahr, das ist
nur die Matrix."
Ein Plauderer und Entertainer ist Reeves nicht. Er sei in der
Schule "Kiki" genannt worden, gibt er zu. Ein bisschen Deutsch
kann er auch: "Morgen, morgen, nur nicht heute, sagen alle faulen
Leute", sagt er, und "Ich liebe Berlin". Nur einmal ist der
stoische Amerikaner irritiert. Einer fragt ihn, ob er vorhabe,
weiter Musik zu machen. Als der Schauspieler verneint, bedankt
sich der Journalist überschwänglich für die gute Nachricht. Das
ist nicht sehr charmant. Reeves muss schlucken, kontert aber
tapfer: "Wie wurden Sie denn als Kind gerufen?"
Er wird gesprächig, wenn er sich Gedanken zum Film machen darf.
Sobald es nur ansatzweise persönlich wird, wehrt er höflich ab.
Nein, eine Lebensphilosophie habe er nicht. Man entwickele sich
eben mit dem, was einem im Leben zustoße. Dann ist die
Pressekonferenz vorbei, der Star huscht aus dem Raum, und der
Blick in den Block zeigt – nichts.
Keanu Reeves hat es mal wieder geschafft. Er bleibt der
Unfassbare: ernst, nachdenklich, unnahbar. Der Mann hat was.