14.02.2005

    Berlinale



    Entdecke das Krafttier in dir

    Keanu Reeves spielt in dem charmanten Film "Daumenlutschter" einen Zahnarzt

    VON ANKE GROENEWOLD

     



    Berlin. "Ich werd verrückt - Keanu!", jauchzt die junge Frau und spurtet mit ihrer Freundin zum Berlinale Palast. Vielstimmiges Kreischen ist schon von weitem zu hören. Keanu Reeves, ganz in Schwarz, dazu Dreitagebart und die Haare zum Igel modelliert, steht auf dem roten Teppich und lässt den Rummel lächelnd über sich ergehen.

    Ein bisschen Buddha eben. Den hat der in Beirut geborene Schauspieler mit der minimalen Mimik auch mal gespielt. Reeves ist auf gerade Welttournee, um für seine neuen Filme zu werben.



    Nach Berlin kommt er für einen kleinen, feinen Film. "Thumbsucker" ist eine charmante Tragikomödie über einen 17-jährigen Daumenlutscher und seine Suche nach einem Platz in der Welt. Klingt nach einer gewöhnlichen Geschichte über das Erwachsenwerden. Wenn da nicht dieser originelle Dreh wäre: Teenie Justin (Lou Taylor Pucci) hat Eltern (Tilda Swinton, Vincent D'Onofrio), die sich innerlich auch noch wie 17 fühlen.

    Mutti schwärmt für einen Serien-Star, Papi beschwört mit Marathonläufen seine Jugendlichkeit. "Man ist eben nie fertig oder vollständig, und nicht nur Kinder sind verletzlich", sagt Regisseur Mike Mills.

    Keanu Reeves hat in dem intensiven Familienfilm nur eine winzige Rolle. Er ist Justins philosophierender Zahnarzt und gibt dem Jungen wertvolle Tipps wie "Suche das Krafttier in dir". Es folgt eine seriöse Phase, aber am Ende weiß der Doktor, dass er nichts weiß, und ist ganz entspannt dabei. Wie Buddha. Sie teht Reeves gut, diese Rolle. Und ja, der 40-Jährige kann schauspielern.

    Es steckt viel Traurigkeit und schwarzer Humor in dieser Figur. Große Schauspielkunst war in Reeves "großen"Filmen meist nicht gefragt. Er ist die perfekte Besetzung für Comics und Actionfilme wie die "Matrix"-Trilogie oder aktuell "Constantine". Reeves sieht gut aus, hat körperliche Präsenz, wirkt aber stets etwas hölzern. Extrovertiertes, emotionales Spielen ist seine Sache nicht. Es gibt sicher furioser aufspielende Künstler, und doch: Keanu Reeves hat was.

    Das finden auch die sonst so coolen Journalisten, die darauf warten, dass er zur Pressekonferenz erscheint. So manche zupft noch kurz ihren Pony zurecht, über Handy wird die Außenwelt informiert: "Ich warte gerade auf Keanu." Die Männer im Raum geben sich eher abgeklärt. Pah, Keanu Reeves, Nebendarsteller. Hier gilts der Kunst.

    Der sensible Hauptdarsteller Lou Taylor Pucci ist da, auch die intellektuelle, britische Sphinx Tilda Swinton, aber im Mittelpunkt steht Keanu Reeves. Seine Antworten sind knapp, manchmal einsilbig. Skeptisch schaut er in die Runde, und manchmal sieht er so aus, als denke er: "Das ist alles nicht wahr, das ist nur die Matrix."

    Ein Plauderer und Entertainer ist Reeves nicht. Er sei in der Schule "Kiki" genannt worden, gibt er zu. Ein bisschen Deutsch kann er auch: "Morgen, morgen, nur nicht heute, sagen alle faulen Leute", sagt er, und "Ich liebe Berlin". Nur einmal ist der stoische Amerikaner irritiert. Einer fragt ihn, ob er vorhabe, weiter Musik zu machen. Als der Schauspieler verneint, bedankt sich der Journalist überschwänglich für die gute Nachricht. Das ist nicht sehr charmant. Reeves muss schlucken, kontert aber tapfer: "Wie wurden Sie denn als Kind gerufen?"

    Er wird gesprächig, wenn er sich Gedanken zum Film machen darf. Sobald es nur ansatzweise persönlich wird, wehrt er höflich ab. Nein, eine Lebensphilosophie habe er nicht. Man entwickele sich eben mit dem, was einem im Leben zustoße. Dann ist die Pressekonferenz vorbei, der Star huscht aus dem Raum, und der Blick in den Block zeigt – nichts.

    Keanu Reeves hat es mal wieder geschafft. Er bleibt der Unfassbare: ernst, nachdenklich, unnahbar. Der Mann hat was.


     

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