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im September 1995
Keanu Reeves - er ist der Pin-up-boy der Neunziger. Exotisch schön, intelligent, dann doch wieder der All-american-boy mit unwiderstehlich jungenhaftem Lachen. Im Oktober kommen gleich zwei neue Filme mit ihm in unsere Kinos: Dem Himmel so nah und Johnny Mnemonic. Ist der smarte Star, den pubertierende Mädchen, ihre Mütter und schwule Jungs gleichermaßen verehren, mehr als ein Produkt der Hollywood-Maschinerie? MAX traf Keanu Reeves in Los Angeles. von Tatjana Blobel Eine neue Generation talentierter, eigenwilliger Jungstars hat die verlockenden Höhen von Beverly Hills erklommen und schaut von unzähligen Kinoleinwänden und Hochglanzmagazinen mit rätselhaftem Lächeln auf uns Normalsterbliche herab. Ob Keanu Reeves, River Phoenix, Brad Pitt, Tom Cruise oder Johnny Depp - was ist ihr Geheimnis? Was macht sie zu Stars? Alle beherrschen sie die totgeglaubte Kunst, sich mit einer Aura von Geheimnissen und Rätseln zu umgeben. Sind sie schwul? Nehmen sie Drogen? Oder sind sie doch nur liebe Jungs, deren Image künstlich aufgebläht wurde? Keanu Reeves gelingt der Drahtseilakt, alle Fragen klipp und klar zu beantworten und einem doch das Gefühl zu geben, daß das noch nicht alles gewesen ist. Regisseur Gus Van Sant muß dieses Potential gespürt haben. Er hatte eine Vision für seinen Film "My Private Idaho": Die Rolle des Scott, dem ins Stricher-Milieu abgetauchten Bürgermeistersohn, sollte Keanu Reeves spielen - und kein anderer. Reeves Agent war von der Idee überhaupt nicht angetan. Er schickte das Drehbuch postwendend zurück. Daraufhin bat Van Sant Keanu direkt, das Drehbuch zu lesen - mit Erfolg. Mit seinem Motorrad, einer 74er Norton Commando, bretterte Keanu dann durch halb Amerika, um seinen Freund River Phoenix von dem Script zu überzeugen. Im Sommer verbrachten die zwei mehrere Wochen in Portlands Rotlichtdistrikt, um den Umgang der minderjährigen Stricher mit ihren Freiem zu studieren. John Glatt schreibt in seiner River-Phoenix-Biographie "Lost in Hollywood": "Reeves wollte endlich dieses Dumme-Jungen-Image aus seiner 'Bill und Ted'-Rolle loswerden." Und so vertiefte er sich mit River, der Ende 1991 an einem tödlichen Drogencocktail starb, in die Welt der Stricher, Huren, Obdachlosen. Der richtige Instinkt. "My Private Idaho" machte beide Jungschauspieler frühzeitig zu Kultstars. Reeves: "Es ist unsere Pflicht, alle Möglichkeiten zu erforschen, die in dem Drehbuch stecken könnten." Während Phoenix in seiner Rolle aufzugehen schien, ist Reeves ganz offensichtlich Schauspieler von Beruf - eben kopfgesteuert. "Ich denke, Keanu hat diese technische Grundlage des Theaterspielens, während ich eher abstrakt, instinktiv an meine Rollen herangehe" erklärte River Phoenix 1991 in einem Interview. "Während ich alles ungefiltert in mich aufsauge, zieht Keanu Verbindungen zum Leben." Keanu erscheint zu unserer Verabredung in ausgetretenen Boots, schwarzem Schlabber-Shirt, mit verwuschelten Haaren, unrasiert und pickelig. Präsentiert sich im Generation-X-Look und sieht völlig anders aus als im unerwarteten Kassenschlager von 1994, dem Actionthriller "Speed". Da trägt er, glattrasiert und clean, einen muskelgestählten Body zur Schau. Für seine Muskeln kann er seit seinem letzten Film nicht viel getan haben. Er enttäuscht immer wieder gern die Erwartungen seiner Fans. Aber wenn er lächelt und fragt: "Do you like to have a drink?" ist er einfach umwerfend - da schimmert wieder ein bißchen der Gentleman durch, das wohlerzogene Bürgerkind. In seinem neuen Film "Dem Himmel so nah" (ab 3. Oktober im Kino) spielt Keanu einen Kriegsheimkehrer, der heldenhaft eine schöne, schwangere Frau vor ihrem tobsüchtigen Vater rettet. Alfonso Arau, Regisseur der gefühlsseligen Familiensaga, wollte Keanu wie Gus Van Sant von Anfang an für die Hauptrolle des ehrenhaften Paul Sutton verpflichten. Keanu ist charismatisch und gutaussehend, aber das Wichtigste ist: Er hat diese Unschuld. Diese Mischung macht ihn zum Star." Immer wieder irritiert Keanu Reeves eine stetig wachsende Fangemeinde mit neuen Charakteren. Seine zehnjährige Filmerfahrung (...) reicht vom spleenigen Collegeboy in "Bill und Teds verrückte Reise in die Zeit" über den bösen Buben Don Juan in Kenneth Brannaghs Shakespeare-Verfilmung "Viel Lärm um Nichts", dem tolpatschigen Killerjunkie in "Ich liebe dich zu Tode" bis zum soften Macho im Actionthriller "Speed". Und jetzt tritt er in seinen aktuellen Rollen in "Dem Himmel so nah" als romantischer Liebhaber und in "Johnny Mnemonic" als Cyberspace-Punk (startet ebenfalls im Oktober) vors Publikum. Von seinen Kollegen wird er geschätzt. Ich bewundere Keanu als Schauspieler und als Menschen", sagt Sandra Bullock von ihrem Filmpartner in "Speed". Auch Hollywood-Veteran Peter Falk, Co-Star von "Julia und ihre Liebhaber", schwärmte von dem damals 26jährigen Keanu: "Der Junge hat alles; es ist interessant, ihm zuzusehen. Er arbeitet hart, er hat eine Ader für Verrücktheiten. Er ist emotional präsent, verständnisvoll - woher er das in seinem Alter hat, entzieht sich meiner Vorstellungskraft." Ob es ganz einfach an Keanus Werdegang liegt? Seine Biographie liest sich wie ein Road-Movie. Der Sprößling eines reichen Geschäftsmannes wurde 1964 in Beirut im Libanon geboren. Keanu überlegt jedesmal einige Augenblicke, wägt die Antworten ab, bevor er ernsthaft erklärt: "Die Sterne, der Himmel und der Zeitpunkt, an dem wir geboren werden, haben sicherlich einen Einfluß auf unser Leben", und fügt scherzhaft hinzu: "Leider bin ich Jungfrau. Und ich hasse es. Es ist so langweilig. Perfektionistisch, ordentlich, treu, bodenständig." Er schüttelt sich vor Abscheu und lacht. "Ich wäre zu gern Schütze geworden." Keanus Eltern trennten sich, als er noch in den Windeln steckte. Die Familie, seine Mutter, die ihre Partner ebenso häufig wie die Wohnsitze wechselte, und die zwei jüngeren Schwestern, zog von Australien über New York nach Toronto. Zum letzten Mal sah Keanu seinen Vater "mit 13 oder 14". Im vergangenen Jahr wurde sein Vater wegen Drogenbesitzes zu zehn Jahren Haft verurteilt. Seine Mutter verdiente den Familienunterhalt als Mode-Designerin. David Bowie, Dolly Parton und Alice Cooper ließen sich von ihr Starroben schneidern. Sie war häufig unterwegs, Keanu entsprechend oft mit seinen Schwestern allein. Dennoch versucht er mir glaubhaft zu versichern, sie hätten "ein völlig normales Familienleben" geführt. Wegen der häufigen Ortswechsel besuchte er fast jedes Jahr eine andere Schule. Mit 17 Jahren verließ er die High-School und stand vor der schwierigen Entscheidung, eine Sportler- oder eine Schauspielerkarriere zu wagen: "Eigentlich wollte ich ja Profi-Hockeyspieler werden. Mein Traum war es immer, an den Olympischen Spielen teilzunehmen Aber dann hat mich die Schauspielerei doch mehr gereizt." Sich möglichst viele Optionen offenzuhalten, ist Keanus Lebens- und Arbeitsdevise: "Ich will alles machen können, ob Kommerzielles, Independent oder Theater." Auf keinen Fall will er auf einen bestimmten Typus festgelegt werden, und das ist ihm bislang gelungen. Immer wenn alle glauben: "Aha, jetzt wissen wir, wer er ist", schlägt er uns ein Schnippchen und spielt einen vertrottelten Killer oder schwulen Stricher - und das nicht immer zur Freude seiner Agenten. Reeves hat sich die Aura eines Außenseiters bewahrt. So verschwand Keanu (Hawaiianisch: Kühle Brise über den Bergen) vor einigen Monaten für ein paar Wochen in die kanadische Provinz, um Hamlet -"Vor "'To be or not to be' bin ich immer wahnsinnig nervös" - am "Manitoba Theatre Center" von Winnipeg zu spielen. Für eine Gage von 6000 Dollar. Eine lächerliche Summe für jemanden, der derzeit sieben Millionen für einen Film fordern kann. Hollywood war irritiert. Keanu hat früh begriffen, wofür manche in seiner Branche Jahrzehnte brauchen: Wenn sie dich in eine Schublade stecken wollen, spring schnell raus, bevor sie zuschnappt. Hatte Keanu Reeves sich vorher ständig die ungewaschenen Haare gerauft und sich auf dem Sofa der Suite im "Four Seasons"-Hotel in Hollywood rumgelümmelt, sitzt er beim Thema Shakespeare plötzlich kerzengerade. "Der Mann war immer so dicht am Leben. Blut, Dreck, Inzest und Verrat, die tiefsten Tiefen und die höchsten Höhen, die Sehnsucht nach Ordnung und Liebe - seine Geschichten sind voller Horror und Leben." Keanus tiefe, angenehme Stimme gewinnt eine ungeahnte Kraft und Konzentration, während er ins Schwärmen über den großen englischen Dichter gerät und ihn leicht versunken zitiert: "Since no man of art he knows, since no man of art he leaves. Knows art what is to leave the times." Die Kritiken waren zwar nicht überschwenglich, aber doch nachsichtig mit dem jungenhaften Filmstar, der so gern ein großer Hamlet sein möchte. "Reeves fehlt einfach das nötige Rüstzeug, eine solche Rolle durchzustehen", verkündete The Ottowa Citizen, "aber es ist interessant, ihn auf der Bühne zu beobachten." Sein schauspielerisches Talent beweise er noch am ehesten in den Kampfszenen, aber glücklicherweise werde er "immer besser". "Das Spielen auf der Bühne oder im Film ist einerseits sehr unterschiedlich, andererseits sehr ähnlich. Es gibt unterschiedliche Techniken, aber wenn der Vorhang aufgeht, ist es die gleiche Aufregung." Und natürlich wurde jede seiner Bewegungen von der internationalen Presse genauestens registriert. "Das war eine schreckliche Vorstellung." Die Erinnerung an die Premiere scheint ihm noch in den Knochen zu stecken: "An meine Rolle habe ich kaum noch gedacht, nur noch daran, wie ich das durchstehen soll." Seine Bewunderer spielten jedenfalls verrückt, die Hotels von Winnipeg waren restlos belegt. Ein weiblicher Fan kam extra aus dem fernen Australien angeflogen, um sämtliche Vorstellungen zu besuchen. In Kanada erreichten ihn schließlich auch die Gerüchte, die gerade in Hollywood über ihn grassierten. "Herzensbrecher Keanu Reeves ist schwul" prangte in großen Lettern von den Titelseiten der Klatschpresse. Was im prüden Amerika soviel heißt wie: Unser kleiner Liebling hat sich politisch unkorrekt verhalten - eine schwere Rüge. Keanu sollte in einer "geheimen Hochzeitszermonie" den Musik- und Filmmogul David Geffen geehelicht und sich außerdem auf eine wilde Affäre mit einem Ballettänzer in Winnipeg eingelassen haben. Keanu und David Geffen bestehen beide darauf, sich niemals begegnet zu sein. Der schöne Filmstar: "Ich bin nicht schwul, und es gibt auch keinen Ballettänzer." Offensichtlich geht ihm dieses Thema reichlich auf die Nerven. Keanu beteuert zwar, hetero zu sein, aber: "Letzten Endes ist es doch völlig egal, wen man liebt." Er jedenfalls findet, daß Frauen wunderbare Geschöpfe sind, und denkt aus lauter Verzweiflung über diesen ganzen Rummel schon mal öffentlich über Kinder nach. Dennoch fanden auch die schärfsten Spürhunde unter den Klatschreportern bisher keine Beweise für eine Frau an der Seite des verehrten Sex-Symbols. Sicherlich auch, um seine schwulen Fans nicht vor den Kopf zu stoßen, ging Keanu Reeves vor kurzem in einer Ausgabe des US-Schwulenmagazins "Out" in die Offensive, gab ein Interview, um sich als Hetero zu outen. Ein Fotograf, der den 18jährigen für sein Stück "Wolfboy", in dem er einen homosexuellen, jugendlichen Straftäter mimte, ablichtete, meint: "Reeves versteht es, dieses spezielle Publikum zu kultivieren." Der 30jährige ist einer der bestbezahlten Schauspieler der Welt. Es ist sein Job, in immer andere Rollen zu schlüpfen. Da können Realität und Fiktion leicht durcheinander geraten. Er hat das Spiel begriffen, es macht ihm Spaß. So ließ er für das Foto von Greg Gorman (...)kurzerhand die Hose runter und sagte zum erstaunten Fotografen: "Komm, los, drück drauf." Wie gesagt: "Es gibt Schlimmeres, als sexy zu sein." Reeves ist sich seiner Wirkung genau bewußt, vielleicht ist es nur Fassade, wie so vieles in der scheinbar Easy-going-Metropole Los Angeles? So gibt er seinen Drogenkonsum unumwunden zu: "Ich liebe Drogen. Bis auf 'Peyotl', eine mexikanische Wüstenpflanze, habe ich schon alles ausprobiert. Ich finde es toll, diese Träume und Halluzinationen zu haben." Was vor Jahren im verklemmten Amerika noch zum Eklat geführt hätte, wird inzwischen im mondänen Hollywood nur noch mit einem Schulterzucken registriert. Letztlich sind es solche Schwächen und Macken, die einen zum Helden machen, und die wollen gepflegt sein. Keanu reibt sich die Augen, wirkt manchmal leicht abwesend, auch wenn er sich bemüht, auf Fragen konzentriert zu antworten. Vielleicht ist fünf Uhr nachmittags einfach nicht seine Zeit. Die Sonne knallt, sicher möchte er lieber mit seiner alten Norton über die Berge rauschen und ein wenig Freiheit atmen, vielleicht mit den Kumpels von seiner Band Dogstar den nächsten Gig üben . "Ich bin etwas müde, weil wir heute nacht solange geprobt haben." Er kann das Gähnen kaum unterdrücken. "Wir gehen jetzt mit unserer Band Dogstar auf Tour durch die Staaten und brauchen ein Tape für Radiosender, weil keiner weiß, wie wir uns anhören." Die vier Dogstars - sie spielen Westcoast-Rock - waren vor einigen Monaten noch ein Insidertip in L.A.s Nachtclubszene. Ihre wenigen Konzerte stets ausverkauft. Gerade waren sie auf Japantournee, haben dort sechs Konzerte gegeben. "Tokio war klasse, endlich mal kein PR-Termin." Keanu und seine drei Schauspielkollegen Gregg Miller, Bret Domrose und Robert Mailhouse haben die Band vor drei Jahren gegründet: "In meinem damaligen Haus hatte ich einen Übungsraum mit einigen Gitarren. Ein Freund schleppte noch sein Schlagzeug an, und schon fingen wir an, herumzuklimpern. " Reeves spielt seit fünf Jahren Baßgitarre, und immerhin wurde Sting schon auf ihn aufmerksam, lud ihn ein, auch unter falschem Namen, auf einem Album mitzuspielen. Keanu mußte passen - er hatte keine Zeit. Richtig ernsthaft möchte er Musik allerdings nicht betreiben, eigentlich nur "just for fun", es sei eben ein netter Anlaß, sich mal mit Freunden zu treffen. "Besonders viel Spaß machen die Shows, wir trinken Freibier, treffen Mädchen." Aber keine falschen Hoffnungen, Ladies: Vor dem "Hard Rock Cafe" in Myrtle Beach South Carolina, fanden sich jüngst Hunderte weiblicher Fans ein. Sie warteten über zwölf Stunden bei 40 Grad im Schatten, um einen Blick auf ihr Idol zu erhaschen. Reeves entwischte der schmachtenden Menge durch die Hintertür. Überhaupt ist er seit einiger Zeit ziemlich rastlos. Er lebt seit Monaten in Hotels, seine Habe ist auf "ein paar Koffer verteilt, Klamotten sind ihm "unwichtig". Sichtlich bemüht versichert er, daß diese Art von selbsterwählter Heimatlosigkeit rein zufällig sei und nicht etwa der Imagepflege des freiheitsliebenden "Outlaws" dient. "Ich möchte nicht wie ein Bohemien leben, würde gern ein Haus aus Holz und Stein bauen. Aber etwas ist passiert in meinem Leben..." Die Geschichte dazu erfahren wir wohl nie. Keanu liebt es halt, uns Rätsel aufzugeben. "Es ist schon eigenartig. Er ist wirklich belesen und intelligent, merkt es aber nicht'", sagt Gus Van Sant, "er ist so eine Art Punkrocker, aber das ist Fassade."
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