|
im November 1996
Die vielen Gesichter des Keanu Reeves Ein Herzensbrecher, der mit Doppelkinn die Fans erschreckt. Ein Hollywoodstar, der lieber mit seiner Band "Dogstar" durch die Clubs tingelt, als Speed 2 zu drehen. Immer auf der Suche, immer auf der Flucht - wer bist du, Keanu Reeves? von Anna Bergmann Sexsymbol und Mondgesicht Kupferfarbene Haut, weiche, lange Haare, hohe Wangenknochen, sanftmütiger Blick aus rehbraunen Augen: Dieses Konterfei hängt in zahllosen Mädchenzimmern in der ganzen Welt. Im Internet künden gleich 263 Pages von der Schönheit des Keanu Reeves, und natürlich wissen seine Fans alles über ihn: von seinem Namen ("Keanu ist hawaiisch und heißt "kühle Brise über den Bergen"), über sein Sternzeichen (Jungfrau) bis zur Narbe auf seinem Bauch (43 Zentimeter, die er einem Motorradunfall im kalifornischen Topanga Canyon verdankt). Selbst Kolleginnen wie Uma Thurman läßt er die Beherrschung verlieren: "Er hat so was Unschuldiges, das in jeder Frau sofort den Beschützerinstinkt weckt." Für Keanu, der hinter der Anbetung bloßer Schönheit immer auch Oberflächlichkeit wittert, ein Alptraum. So legte der heute 32jährige seit seiner Rolle in Little Buddha (1993) satte 15 Kilo zu - die Schutzschicht zwischen ihm und seinem verhaßten Image. Mit speckigen Wangen und fettigen Haaren präsentiert er sich im Actionthriller Außer Kontrolle (Kinostart: 14. November). In seinem Dezemberfilm Minnesota, einer mißlungenen Kain-und Abel-Geschichte im Gangstermilieu, grüßt wieder sein Doppelkinn von der Leinwand. Hollywoodstar und Provinz-Hamlet In Hollywood hält man Keanu für den Idioten der Saison, weil er das 11 -Mio.-Dollar Angebot für die Fortsetzung seines Speed-Erfolges ablehnte und lieber Musik machte. "Was zum Teufel denkt er sich dabei?" fragte die Zeitschrift "US", die ihn zwei Jahre zuvor noch als legitimen Nachfolger von Action-Dinos wie Arnold Schwarzenegger ausrief. Doch solcherlei Spitzkehren ziehen sich durch seine ganze Karriere: Kaum als feuriger Ehrenmann in Gefährliche Liebschaften gefeiert, klopfte er hirnrissige Sprüche in Bill und Teds verrückte Reise. Kaum hatte er in My private Idaho so manches schwule Herz gebrochen, empfahl er sich in Gefährliche Brandung als harter Cop dem heterosexuellen Action-Publikum. Und letztes Jahr blamierte er sich lieber als Hamlet auf einer kanadischen Provinzbühne, anstatt neben Robert de Niro in dem Thriller Heat zu spielen. "Es ist besser, etwas zu bereuen, das man getan hat, als etwas zu bereuen, das man nicht getan hat", sagt er dazu. Dies ist auch die einzig mögliche Erklärung für die Arbeit mit dem Skulpteur Robert Longo, der ihn im Science-fiction Film Johnny Mnemonic inszenierte - die kläglichste Leistung seiner Laufbahn. Trotzdem kann sich Keanu diesen Zickzack-Kurs leisten. Gerade abgedreht: der Psychothriller The Devil's Advocate an der Seite von Al Pacino - für zehn Millionen Dollar. Buddhist und Rock 'n' Roller Schon mit elf Jahren suchte Keanu nach Gott. Doch in dem Bibelkreis, dem er sich in Toronto anschloß, fand er ihn nicht. Keanu fand dort nur Langeweiler vor; kein Wunder, daß sich Gott woanders herumtrieb. Dabei hätte Keanu so sehr jemanden gebraucht, da sein Vater gerade die Familie verlassen hatte. Später, mit 24 und nach den ersten Filmen, spürte er immer noch dieses Bedürfnis nach Sinn: "Es reicht nicht aus, einfach nur Schauspieler zu sein. Ich ahne, daß es da etwas gibt, das größer ist als wir, mächtiger und gewaltiger." Bei seiner Suche stieß er auf das 60er-Kultbuch "Zen oder die Kunst, ein Motorrad zu warten", kaufte sich eine Harley und raste prompt gegen einen Felsen - der war nun wirklich mächtiger und gewaltiger. Um einiges näher kam er dem Kern der Dinge mit reduzierter Geschwindigkeit und asiatischen Heilslehren bei den Dreharbeiten zu Little Buddha. Im Himalaya-Gebirge fastete er tagelang, saß mit eingeschlafenen Füßen bewegungslos unter einem Baum und schwärmte anschließend von seiner Erleuchtung: "Ich habe das Ganze gesehen, den Morgen, die Kinder, die Freude. Den Anfang und das Ende." Wenige Tage später, beim Drogentod seines besten Freundes River Phoenix am 31. Oktober 1993, blüht ihm eine andere Erkenntnis: "Wenn man in der Großstadt aufwächst, ist es fast unmöglich, zu glauben." Also stürzte er sich ins Dolce vita des Rock 'n' Roll. Mit seiner Garagenrock-Band "Dogstar" sowie der CD mit dem bezeichnenden Titel Our Little Visionary ("Unser kleiner Visionär") tourte er diesen Sommer durch Europa, weil man hier noch rauchen und saufen kann, ohne als political incorrect zu gelten. Bei den Auftritten drängelten sich fast ausschließlich Mädchen in Lurexschlauchkleidern vor der Bühne, auf der Keanu zufrieden seinen Baß zupfte. Egal, daß sie sich nicht wirklich für die Musik interessierten. Dafür verkündeten sie das Evangelium des echten Keanu-Reeves-Fans: "Hamlet lesen, seine Filme anschauen und Dogstar' hören." Amen.
|